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Politische Reformation

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Politische Reformation - Vom Werden einer neuen deutschen Ordnung
(Antiquarische Qualität)

von Artur Mahrau

Der Friede (Das letzte Kapitel)

Ein beschädigtes Haus bessert man aus. Sind seine Schäden geringfügiger Natur, so ist es in einer Zeit allgemeiner Not am billigsten und zweckmäßigsten, sich nur auf ihre Beseitigung zu beschränken und den früheren Zustand wieder herzustellen. Wenn aber die Schäden ein gewisses Maß erreicht haben, drängt sich dem Besitzer eine schwerwiegende Entscheidung auf.

Soll er das Haus in den alten Zustand versetzen oder soll er seine Pläne neuen Errungenschaften und Erfordernissen anpassen und in die Zukunft hineinbauen?

Wenn der alte Zustand Schönheiten und Bequemlichkeiten verkörperte, die er aus ideellen oder materiellen Gründen nicht missen mag, so wird er am Alten hängen. Diese Anhänglichkeit mag ihn veranlassen, auf manchen Vorteil moderner Einrichtungen zu verzichten. Ist aber das Gewesene dieser Anhänglichkeit nicht wert, so wird er den Neubau nach modernen Grundsätzen vollziehen.

Bei einem Vergleich mit dem Neubau des deutschen Staates entfällt jeder Anlaß, aus irgendeiner Anhänglichkeit heraus den alten Zustand wieder herzustellen. Wir Deutschen haben  im Gegenteil allen Grund, im wahrsten Sinne des Wortes in die Zukunft hineinzubauen. Es wäre unverantwortlich, das neue Werk Moden und Gesetzen zu unterwerfen, die zwar heute noch gelten, von denen wir aber ahnen müssen, daß sie bald überholt sein werden. Wollen wir aber in die Zukunft hineinbauen und unsere Pläne dem Kommenden anpassen, so müssen wir es auch zu erschauen verstehen.

Wir Deutschen wissen am wenigsten, ob die Menschheit noch einmal durch das Blutbad eines sinnlosen Weltkrieges gehen muß. Wir wissen aber wohl, daß wir als besiegtes und unfreies Volk in der gegenwärtigen Lage ohne Einfluß auf den Gang der weltpolitischen Entwicklung sind. Umsomehr haben wir also Veranlassung, alle unsere Pläne auf den zukünftigen Zustand einer Welt auszurichten, in dem wir wieder als ein freies und gleichberechtigtes Volk im Rate der Völker mitwirken können.

Bestimmt wird dies der Fall sein, wenn die kriegerischen Methoden der machtpolitischen Auseinandersetzung zwischen den Völkern durch die friedlichen und besseren Methoden einer demokratischen Weltordnung ersetzt sind!

Die Voraussetzung dieser Weltordnung aber ist das Vorhandensein einer politischen Struktur in den einzelnen Staaten, die in ihrem Ursprung und ihrer funktionalen Gesetzlichkeit das unerschütterliche Fundament einer dauerhaften, friedlichen Ordnung gewährleistet.

Indem wir die Neuordnung unseres Staates unter das Gesetz dieser Anforderung stellen, leisten wir der Befriedung der Welt einen Beitrag, der in seiner ganzen Bedeutung von allen Völkern anerkannt werden muß. Während diese nämlich in ungeminderter Furcht vor neuen Kriegen leben und erkennen müssen, daß Worte und diplomatische Verträge allein den Frieden nicht zu sichern vermögen, verkünden wir eine praktische Realität, mit der er gesichert werden kann.

Wir gehen über das erwähnte, von allen vernünftigen Menschen anerkannte Wort Bevins hinaus, indem wir das Ordnungsprinzip fordern, welches die freie, ungehinderte und allgemeine Abstimmung des Volkes zum Mittelpunkt jener Demokratie macht, nach welcher der gesunde Menschenverstand aller Einzelwesen, Gruppen und Völker ruft, weil sie sinnlose Kriege verhindern wollen.

Wir Deutschen haben oft genug unsere erfinderischen und schöpferischen Gaben bewiesen. Die allgemeine Not der Menschheit wie unsere eigene Ehre legen uns die Pflicht auf, diese Fähigkeiten und Kräfte in den Dienst eines Friedenswerkes zu stellen, das sich in seiner Echtheit vor aller Welt offenbart.

Das ist jene politische Großtat, mit der das waffenlose deutsche Volk seine Feinde versöhnen und seine Ehre wieder herstellen wird.

Sichert den Frieden durch Neubau der Staaten!

Durch den Rundfunk, die Presse und den Mund hervorragender Persönlichkeiten haben die westlichen Besatzungsmächte oft genug zum Ausdruck gebracht, daß sie dem deutschen Volk nicht ohne weiteres die Demokratie nach jenen Formen aufzwingen wollen, welche sie in ihrem eigenen Lebensraum für richtig halten. Die gleichen Kräfte werfen den Deutschen sogar den Mangel einer führenden Idee vor. Die meisten Deutschen haben die hierin liegenden Möglichkeiten noch gar nicht erkannt. Während die einen bestrebt sind, das Vertrauen der Welt durch eine bedingungslose Nachahmung ausländischer Formen zu gewinnen, ergehen sich die anderen in Klagen und Anklagen. Gegenstand ihrer Klagen ist die Tatsache, daß Deutschland bei der Verteilung der Welt zu spät gekommen ist und die anderen nicht bereit sind, etwas von ihren weiten Räumen für den deutschen Volksüberschuß herzugeben. Die Anklagen gipfeln in der mißmutigen Feststellung: Die anderen sind schuld! Die anderen verstehen uns nicht! Verbunden mit dem sattsam bekannten Klagelied über den Niedergang oder gar Untergang des Abendlandes führen solche Gedankengänge zwangsläufig zu jenem Pessimismus, der lange genug Wegbereiter einer weltrevolutionären Verneinung gewesen ist.

Es ist höchste Zeit, daß wir Deutschen dieses ganze pessimistische Denksystem über Bord werfen und uns einer hoffnungsfreudigen Zuversicht anvertrauen. Die Stunde ist gekommen, dort zur Selbsthilfe zu greifen, wo sie möglich oder gar wünschenswert erscheint. Ist es nicht auch ein Hilfeschrei, wenn wir immer wieder um Verständnis für unser durch die Vergangenheit bedingtes Schicksal betteln? Freilich braucht das deutsche Volk die Hilfe des Auslandes auf wirtschaftlichem Gebiet. Wir brauchen die Rohstoffe und Lebensmittel anderer Länder. Auf dem politischen Gebiet aber bedarf es keiner Rohstoffe, die von außen her eingeführt werden müssen. Wir haben uns stets gerühmt, und niemand zweifelt es an, daß wir an geistigen Fähigkeiten keinerlei Mangel aufzuweisen haben. Wo es hierum geht, können wir in eigener Sache ohne fremde Hilfe auskommen.

Wir tun es, indem wir die entscheidenden Probleme der politischen Gegenwart in uns selbst und aus uns heraus lösen.

Wir können sie lösen, wenn wir begreifen, daß es darum geht, das Zeitalter der Massen zu beenden und seine Sünden zu überwinden. Der Aufstand der Massen galt weiten Menschenkreisen lange Zeit als die befreiende und rettende Tat. Dieser Glaube ist tot, denn siegreiche Aufstände der Massen haben bewiesen, daß sie den Menschen keinen Segen gebracht haben.

Die Losung vom Aufstand der Massen hat ihre werbende Kraft verloren, denn die Massen sind nirgends Herr ihrer selbst geworden.

Der Protest des Individuums fordert einen grundsätzlichen Wandel heraus. Der Aufstand des Einzelmenschen ist die naturgegebene Folge vergangener Irrtümer und Leiden. Er offenbart sich im Suchen und Rufen nach einem Ordnungsprinzip, in dem der Einzelmensch als das würdige Mitglied einer qualifizierten Gemeinde kein willenloses Objekt mehr für Diktatoren und willkürliche Organisationen zu sein braucht.

Friedhaft wie das Ziel müssen auch die Methoden dieses Aufstandes sein. Jeder Rückfall in leidenschaftliche, machtpolitische Kämpfe würde ihm zwangsläufig das Schicksal seines Vorgängers bereiten. An die Stelle der propagandistischen Massenvergewaltigung muß der Appell an den gesunden Menschenverstand treten, den eine leidenschaftslose und sachliche Aufklärung auch heute noch in fast jedem Menschen ansprechen kann. Diese Durchdringung der öffentlichen Meinung vom Einzelmenschen her trägt den Charakter einer provisorischen Volksabstimmung. Gegenstand ist einzig und allein die Herbeiführung des politischen Strukturwandels durch die Ergänzung (der vorhandenen demokratischen Ordnung. Die Methoden der politischen Reformation müssen jede starre Verneinung und jede aus Selbstsucht oder Gefühl geborene Antithese ausschließen. Sie müssen dem vorhandenen Protest des Individuums, den positiven Ursprung und Inhalt ablauschen und durch deren Bejahung alle Kräfte revolutionärer Verneinung zum Absterben bringen. Also kann auch keine Rede davon sein, daß .die Methoden sich im Kampf gegen vorhandene Regierungen, führende Parteien und Koalitionen, gegebene Verfassungen und Gesetze richten. Sie wirken nur für eine Reform, welche die Demokratie vollenden und zur Sache des Volkes machen soll. Das tiefe Geheimnis des allgemeinen Protestes, darin Anlaß und Recht aller hier vorgebrachten Ansichten, Wünsche und Forderungen wurzeln, offenbart sich in der Gewißheit: Der Einzelmensch will kein Spielzeug mehr sein!

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